SAMOTHRAKI
- INSEL DER ZIEGEN -

Annäherung eines Landespflegers an die Landschaft einer ihm bisher nicht bekannten Insel. 
Bericht von einer TAGWERK - Reise vom 11. bis 28.09.03

Im Dunst eines schönen Septembertages kann man den "Drachen"-rücken des Saosgebirges auf Samothraki schon von Alexandropoli aus erahnen. Im Laufe der zweistündigen Fahrt mit der Fähre werden die Berge immer deutlicher. Allmählich werden Details erkennbar: einzelne Berggipfel, Felsen, Wald, Brandschneisen, die Säulen des Nike-Heiligtums, Siedlungen, Häuser, abgeerntete Äcker, und einzelne Bäume. Schon vor der Reise habe ich gelesen, daß es auf der Insel schöne Platanenhaine in der Uferzone und Eichenwälder in den höheren Regionen gibt. Und, daß im Sommer der Bürgermeister wegen der Waldbrandgefahr sehr schlecht schlafen soll.

Auf der Fahrt vom Hafen nach Therma, einem netten kleinen Ort im Nordosten der Insel, eingebettet in einem Hain gewaltiger Platanen und in Besitz einer Thermalquelle, fallen einem seltsam anmutende Flächen auf. Steineichen und andere Gehölze stehen da, wie von einem Gärtner zu skurilen Formen geschnitten. Dazwischen Dornenbusch, Steine und vegetationsloser Boden.

Es sind die Ziegen, die jedes nur erreichbare und halbwegs genießbare Blättchen verbeißen und man fragt sich, wie sie von dem wenigen, das sie finden, satt werden können. Denn es ist außer den dicht verzweigten und bis zur Unkenntlichkeit verbissenen Gestalten der Steineichen (Quercus ilex), die es nicht geschafft haben dem ständigen Verbiß der Ziegen zu entwachsen, nichts Grünes mehr da. Einige glücklichere Eichen haben es aber geschafft und sind zu echten Bäumen herangewachsen. Vielleicht sind sie "geboren" als es noch nicht so viele Ziegen gab. Vielleicht hatten sie aber auch nur Glück und sind im Dickicht, geschützt durch andere Gehölze, dem Verbiß entkommen. Wenn es kein Blättchen mehr gibt, nagen die Ziegen auch an der glatten Rinde des Östlichen oder Kolchischen Erdbeerbaumes (Arbutus andrachne), dem diese Art der "Pflege" ebenfalls nicht gut bekommt.

Dann wechselt die Vegetation wieder. Die Dornenbusch-Wolfsmilch (Euphorbia acanthothamnos) bedeckt im Wechsel mit aromatisch riechendem Bergbohnenkraut und dem vermutlich ungenießbaren und deshalb nicht verbissenen, frischgrünen Klebrigen Alant den Boden. Es folgen wieder Macchie und Wälder mit alten Platanen (Platanus orientalis). Letztere haben gewaltige Ausmaße erreicht. Stammdurchmesser von 2 und 3 Metern sind gar nicht so selten. Vereinzelt reichen die Durchmesser sogar an die 4 Meter heran. Den meisten sieht man an, daß sie ein schweres Leben hinter sich haben. Sie sind im Laufe ihres Lebens oftmals von Geröll eingeschüttet und auch wieder freigelegt worden, haben manche Narbe davongetragen, sind innen hohl und haben doch weitergelebt.

Nach einer Eingewöhnungspause in Therma fährt uns Rudi mit dem Kleinbus ins Gebirge. Der Platanenhain zieht sich in die feuchteren Rinnen zurück. Auf den trockeneren Standorten nimmt die Flaumeiche (Quercus pubescens) ihre Stelle ein. Schöne, alte Bäume gibt es hier. Einige sind an Altersschwäche gestorben, stehen als Skelett da oder sind umgefallen. Das Holz ist in Sonne und Wind ganz rissig geworden, trotzt aber immer noch der Verwesung. Junge Eichen sucht man vergebens. Sie sind den Ziegen zum Opfer gefallen. Um Waldbrände bekämpfen zu können, sind Brandschneisen, frei von jeglicher Vegetation, geschlagen und Wege für die Feuerwehr angelegt worden. Wegen der Trockenheit im Sommer begrünen sich diese Böschungen kaum. Winterliche Niederschläge schwemmen den ungeschützten Boden wieder ab. Wir steigen höher und überschreiten die (heutige) Waldgrenze. Überall hört man Ziegenglocken. In den höheren Gebirgsregionen gibt es neben den domestizierten Ziegen auch noch kleine Wildziegen, die so genannten Besoars. Auch hier gibt es nicht viel zu fressen. Gras ist nicht vorhanden. Also müssen die vorhandenen Sträucher herhalten. Der Hunger der Ziegen macht auch nicht vor dem spitznadeligen und leicht giftigen Wacholder (Juniperus oxycedrus) halt. Nur wenige aromatisch duftende Kräuter haben es verstanden, den Ziegen den Geschmack zu verderben und sich so vor dem Verbiß zu schützen. Weiter oben im Gebirge, immer noch begleitet von Ziegenglocken, treffen wir auf ausgedehnte Felder abgestorbener Wacholder. Eine uns unbekannte Krankheit hat sich dahingerafft. Die Wacholderbüsche hatten sich auf dem Boden ausgebreitet, mit den Wurzeln den vorhandenen Boden festgehalten, und mit den dichten Zweigen ein besonderes Kleinklima geschaffen. Im Schutz der Büsche konnten vereinzelt Gräser und Kräuter gedeihen. Nun sind die Wacholder tot, der Boden und die meisten Kräuter verschwunden, und das Mikroklima ist rauher geworden. Totes Holz und Steine sind übrig geblieben. Es gibt kaum eine Chance einer Wiederbegrünung.

So kann es doch nicht weitergehen, denkt sich der Landespfleger, der aus einem Gebiet kommt, in dem es grüne, saftige Wiesen und kaum Ziegen gibt. So kann es nicht weitergehen, wie aber dann? Der Hauptschuldige, die Ziege und mit ihr der Mensch, der sie hält, sind ausgemacht. Man bräuchte also bloß die Ziegenherden zu reduzieren und alles wäre geritzt!? Im kroatischen Karst soll Tito schon einmal versucht haben, die Ziegenhaltung zu verbieten und die kahlen Berge wieder aufzuforsten. Er ist gescheitert, weil er der Bevölkerung keine alternativen Erwerbsmöglichkeiten anbieten konnte und sich Traditionen nicht so schnell ändern lassen.

Zurück zu Samothraki: Ohne Änderung der Beweidungsintensität wird sich die Landschaftszerstörung schleichend und für den Laien kaum wahrnehmbar weiter fortsetzen. Die Wälder werden immer lichter, die Weiden im spärlicher. Wenn nichts mehr wächst, kann auch keine Ziege mehr satt werden, und die Ziegenhaltung wird sich langfristig von selbst reduzieren. Es ist wie bei den Fischern. In einem leer gefischten Meer erübrigt sich das Fischefangen.

Verjüngung der Wälder und eine Regeneration der Kräuter und Gräser zu erreichen? Was müsste getan werden? In Diskussionen in der Gruppe und mit Einheimischen haben sich folgende Gedanken herausgeschält:

- Grundvoraussetzung für eine Besserung der Situation ist die Entwicklung eines neuen Umweltbewußtseins in der Bevölkerung. Dies ist sicherlich nicht von heute auf morgen zu erreichen. Es wird wohl viel Überzeugungsarbeit nötig sein, bis sich eine neue Denkweise durchsetzen kann.

- Die Haltung der Ziegen muß drastisch reduziert werden und den Ziegenhaltern muß hierfür eine Entschädigung gezahlt werden. Die derzeitige EU-Agrarreform, die Umweltleistungen (Aufforstungen, Einzäunungen, etc.) der Bauern auf Dauer honoriert, würde der Landwirtschaftsverwaltung hierzu die finanziellen Mittel in die Hand geben. Jetzt kommt es auf die politische Willensbildung an.

Diese politische Willensbildung könnte durch die Entwicklung des sanften Tourismus beschleunigt werden. Die noch vorhandene Schönheit der Insel ist das wichtigste Kapital, das nur erhalten bleibt, wenn jetzt umgesteuert wird. Würde dem Bürgermeister von Samothraki schon heute die langsame Verödung der Landschaft durch unheilbare Eingriffe, durch den Verbiß der Ziegen und die damit verbundene allmähliche Vergreisung der Wälder bewußt sein, so wäre sein schlechter Schlaf sicherlich nicht nur auf den Sommer beschränkt.

Nach dieser Betrachtung muß der Leser den Eindruck bekommen, als gäbe es auf Samothraki nur das Problem Ziege und Umwelt. So ist es natürlich nicht. Es lag mir nur viel daran, mir selbst und anderen diesen Aspekt der Insel deutlich zu machen und zu überlegen, ob und wie dieses Problem in den Griff zu bekommen wäre. Notgedrungen mußte ich dabei auf die Beschreibung der herben Schönheiten der Insellandschaft, der Berge und Wasserfälle, der Gesteinsformationen und unzugänglichen Buchten, der Baumhaine, der Farben der abgeernteten und auf Regen wartenden Felder, der Ortschaften, das Treiben am Hafen, das griechische Essen und anderes verzichten. Ich hoffe, daß einer der Mitreisenden die von mir hinterlassene Lücke füllen wird. Und wenn nicht, Nikos, unser Bergführer, hat wunderschöne Videos von seiner Insel aufgenommen, und er würde sich sicher glücklich schätzen, wenn sie reißenden Absatz fänden.

Dieter Farcher, München 9.10.2003

Mit freundlicher Erlaubnis von Tagwerk


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