Über die Flora von Samothraki
Charakter und Besonderheiten

Ein Beitrag von Burkhard Biel (März 2006)

Die Flora von Samothraki ist seit langer Zeit eine besondere Attraktion (im Verhältnis zur Größe der Insel) unter Botanikern und sonstigen Freunden der Natur.
Erste schon erstaunlich umfangreiche Aufzeichnungen sind uns von Dr. Arpad von Degen überliefert, der die Insel vom 27. bis 29. Juni 1890 bereiste und dabei bereits die schwierige Besteigung des Fengari-Gipfels im Saos-Gebirge bewerkstelligte. Weitere berühmte Botaniker mit ähnlichem Exkursionsprogramm waren u.a. Alfred Ade (1. bis 6. Juli 1933) und Karl-Heinz Rechinger (18. bis 20. Juni 1936). Die Gründe für diese Attraktion liegen kurz gesagt in der geographisch-klimatischen Sonderstellung der Insel und ihrer extremen Geomorphologie.
Gesamtsicht von der Fähre, 11.05.2001

Zum Verständnis der Situation sollen einige Grundlagen der Inselnatur kurz erläutert werden:
Samothraki liegt im nordöstlichen Winkel der Ägäis, also in einem Übergangsbereich des eigentlichen Mittelmeerklimas mit subbalkanisch - pontischer Prägung. Die Temperaturen sind insgesamt gemäßigter, die Niederschläge etwas höher als in der übrigen Ägäis. Extreme Witterungsverhältnisse wie im Jahr 2002 lassen zuweilen auch an der mediterranen Lage der Insel zweifeln: Schneemassen im Winter bis zu 2 m Höhe und bis zur Küste herab und katastrophale Gewitterregen im April/Mai mit bis 120 L/m², begleitet von immensen Schäden durch reißende Wasser und Geröll an Straßen und Gebäuden.

Schneemassen in Kamariotissa -
Foto: Scheel, 23.12.2001

Insgesamt aber fördert dieses Klima den natürlich grünen Charakter von Samothraki. Geologie und Gesteine der Insel sind vulkanischen Ursprungs (im Gegensatz z.B. zur Nachbarinsel Thasos). Sie sind Teil des Mazedonisch-Thrakischen-Urgesteinsmassivs aus der Zeit des Mesozoikums (Alter ca. 65-225 Mio. Jahre). Nach mehrfacher tektonischer Überformung der Insel findet man heute im wesentlichen Granite und Basalte in der Gebirgszone und dunkle Schiefergesteine, Magmatite und gemischte Schuttüberrollungen in den tieferen Lagen.
Besonders auffällig ist der Wasserreichtum der Insel, mit vielen Quellen und perennierenden Bächen, der auf den relativ hohen Niederschlägen und den wasserführenden Gesteinen basiert. Beispiele zeigen die folgenden Fotos:

Einer der Quellbäche des Xiropotamos stürzt ins Tal, Alonia, 25.10.2002

rechts: Wasserfall des Xiropotamos, Xiropotamos, 03.05.2001

Samothraki ist also eine relativ grüne Insel. Entlang der Küste und an den flacher geneigten Hängen zeigen sich einige meist extensiv genutzte und weit mehr brachliegende Ackerflächen (vor allem im Westen), großflächige Olivenhaine und kleine Obstgärten, Reste von Platanen-Auwäldern mit Sümpfen (an der Nordküste) und weite Zonen mit Macchie und Phrygana. Diese letztgenannten Zonen ziehen sich auch den

Gebirgshang weiter hinauf, wo sie ab etwa 500 m ü. NN. von lichten Eichenwäldern abgelöst werden. Dies betrifft allerdings fast ausschließlich die Nordseite des Gebirges. An den Südhängen, wo die natürliche Baumzone schon früh dezimiert wurde, sind nur noch kleine Baumgruppen übrig geblieben. Oberhalb der Baumzone, ab etwa 1000-1200 m schließt sich ein schmaler Gebüschgürtel mit Zedern-Wacholder und kretischer Berberitze an. Die hohe Gebirgszone wird von einer lückigen Dornpolster-Flur eingenommen, die Felszonen sind mit Moosen und bunten Flechten bewachsen.
Entsprechend der großen Höhe der Insel können somit drei Vegetationsstufen unterschieden werden:
- die immergrüne Stufe in den Tieflagen, sie bleibt infolge der nördlichen Lage verhältnismäßig schmal,
- die sommergrüne Stufe an den Gebirgshängen, als ursprünglich breiter Gürtel von Eichenwäldern und
- Die Gipfel-/Gebirgsstufe ab etwa 1300 m ü. NN.
Im Folgenden werden einige interessante Vertreter der Pflanzenwelt von Samothraki vorgestellt, darunter auch eine der Endemiten, d.h. der Arten die ausschließlich auf Samothraki wachsen, nirgends sonst auf der Welt.
 
weite Olivenhaine unterhalb Kapelle Kremniotissa, Lakkoma, 04.05.2001

Frühling im Tiefland, in der Phrygana und den Olivenhainen:

Pfauen-Anemone (Anemone pavonina),
Therma, 05.05.2001
ginsterblättriges Leinkraut (Linaria genistifolia),
Hora, 29.04.2001
gehörnte Schnepfen-Ragwurz (Ophrys scolopax subsp. cornuta), Kamariotissa, 11.05.2001
gemeines Steinkraut (Aurinia saxatilis),
Hora, 30.04.2001
thrakische Sumpfkresse (Rorippa thracica), Therma, 05.05.2001
Orient-Baumschlinge (Periploca graeca), Kamariotissa, 10.06.2000
schwarzer Lauch (Allium nigrum),
Kamariotissa, 28.04.2001
wolliger Fingerhut (Digitalis lanata),
Therma,28.05.2002
wolliger Fingerhut (Digitalis lanata), Therma, 28.05.2002
   
 
Als Besonderheit in den Felsen an wenigen Stellen der Nord- und Südküste ist der bekannteste Endemit zu finden: Abbildung rechts Samothraki-Glockenblume (Symphanandra samothracica), Profitis Ilias, 04.05.2001

Für diejenigen, die es genauer wissen wollen:
Bis heute wurden über 1400 Pflanzenarten auf Samothraki nachgewiesen und veröffentlicht, nachzulesen in der wahlweise englisch- oder griechischsprachigen Veröffentlichung des Goulandris Museums:

Flora of Samothraki from Burkhard Biel and Kit Tan

Ein Beitrag zur Flora von Samothraki kommt leider nicht ohne einige ernsthafte Anmerkungen zum Zustand der Natur und ihrer Entwicklungschancen für die Zukunft aus.

Jedem interessierten Besucher der Insel werden die unübersehbaren, massiven Schäden an der Pflanzenwelt aufgrund der Dauerweide von Schafen und Ziegen auffallen. Jeder nicht hoch und fest eingezäunte Quadratmeter Inselfläche ist davon betroffen, von der Küste bis zum Fengari-Gipfel. Die Olivenhaine sind weitgehend steril, die Phrygana wird immer lückiger, der Buschwald ist schon auf größeren Flächen abgestorben und der wertvolle Eichenwald hat keine Zukunft - es ist dort kein Baum zu finden, der jünger als etwa 50 Jahre wäre.

Die Natur, die wir heute auf Samothraki erleben können, ist deshalb nur noch der bescheidene Rest einer potentiell möglichen Fülle!

Zwar wurde von Griechenland schon vor über 2 Jahren der "Fengari Samothrakis", mit rd. 9603 ha fast die halbe Inselfläche, als NATURA-2000-Gebiet nach der EU-Richtlinie 92/42/EWG (FFH-Gebiet) deklariert, verbunden mit der Verpflichtung, diese europaweit bedeutsame Landschaft zu sichern und zu schützen. Allerdings hat sich diese Erklärung nicht nur nach Meinung des Autors bisher als ein typisches Beispiel für einen "Papiertiger" erwiesen. Von einer Umsetzung der gutgemeinten EU-Gesetzgebung ist auf Samothraki leider nichts zu erkennen - im Gegenteil, in den letzten Jahren wurden z.B. zahlreiche neue Feldwege auch in höhere Berglagen trassiert und dort neue Viehställe gebaut. Die Beweidungsintensität nimmt dank der großzügigen europäischen Subventionierung (!) ständig zu.
Die Natur von Samothraki, das einzige (touristische) Kapital der Insel, kann für künftige Generationen nur erhalten werden, wenn die extremen Belastungen abgestellt werden. Wichtigste Maßnahme wäre sicherlich die Abschaffung der Subventionierung der (unkontrollierten) Viehhaltung. Die meisten Probleme könnten damit schon gelöst werden.
Darüber hinaus gibt es aber auch noch lokale Problemzonen, die durch den zunehmenden Tourismus entstanden sind, vor allem wenn er sich örtlich ballt - z.B. in den Bereichen der offiziellen und wilden Campingplätze im Raum Therma. Hier ist besondere Vernunft und vorausschauende Planung erforderlich!

Literatur:
Ade, A. & K.-H. Rechinger (1938): Samothrake. - Feddes Repert. Spec. Nov. Regni Veg., Beih. 100: 106-146.
Biel, B. (2003): Zur Orchideenflora der Inseln Samothraki (Griechenland) und Gökçeada (Türkei) - mit kurzem Ausflug auf das griechische Festland bei Alexandroupoli (Nomos Evros).--Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid. 20 (2): 63-94 [publ. 2004].
Degen, A. v. (1891): Ergebnisse einer botanischen Reise nach der Insel Samothrake. - Österr. Bot. Z. 41 (9-10): 301-306, 329-338.
Katsikopoulos, I. (1936): Simvoli is tin meletin tis chloridos tis nisou Samothrakis. - Georgikon Deltion 1936: 12 pp.
Stojanov, N. & B. Kitanov (1943): Beitrag zur Kenntnis der Florula der Insel Samothrake. - Izv. Bulg. Bot. Druzh. (Bull. Soc. Bot. Bulg.) 9: 49-51.
Stojanov, N. & B. Kitanov (1944): Beitrag zur Kenntnis der Flora und der Vegetationsverhältnisse der Insel Samothrake. - God. Sofijsk. Univ. Fiz.-Mat. Fak (Jahrb. Univ. Sofia, Phys.-math. Fakultät) 3 40: 403-464.
Strid, A. & K. Tan (1998): Flora and vegetation of northeast Greece including Thasos and Samothraki. - veröff. Exkursionsbericht, University of Copenhagen.

Anschrift des Verfassers:
Burkhard Biel, Am Judengarten 3, D-97204 Höchberg 

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